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    11/5/2005

    Liebeslied

    Wie soll ich meine Seele halten, dass
    sie nicht an deine rührt. Wie soll ich sie
    hinheben über dich zu andern Dingen?
     
    Ach gern möcht ich sie bei irgendwas
    Verlorenem im Dunkeln unterbringen
    an einer fremden stillen Stelle, die
    nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
     
    Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
    nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
    der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
     
    Auf welches Instrument sind wir gespannt?
    Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
    O süßes Lied.
     
    Rainer Maria Rilke
     
     
    Ich weiß noch, als wir dieses Gedicht in Deutsch beim Thema "Lyrik" durchgenommen haben und dann mussten wir es in eigene Worte fassen...Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was ich geschrieben hab, aber wenigstens hab ich die Aufgabe richtig verstanden im Gegensatzt zu manchen anderen... ;) Auf jeden Fall erinnere ich mich noch, dass ich das Gedicht zuerst nicht ganz verstanden habe, aber als ich es dann endlich mal kapiert hab, fand ichs eigentlich ziemlich schön ;)

    An eine Rose

    Du kleine Rose, glaube mir,
    Du sollst Lucindens Busen schmücken.
    Ich selber will dich ihr
    Itzt auf den vollen Busen drücken.
     
    Dann sag ich: "Mädchen, küsse mich,
    Sieh, dies hat Flora dir geweihet.
    Sieh, wie die Rose sich
    Schon über ihre Stelle freuet."
     
    Doch untersteht ein Jüngling sich
    Dich von dem Busen abzubrechen:
    Dann, Rose, räche mich,
    Dann musst du ihn gewaltsam stechen.
     
    Doch wenn in meines Mädchens Brust
    nach mir sich zarte Wünsche regen-
    O die geliebte Brust!
    Dann hauch ihr süßen Duft entgegen!
     
    Heinrich Wilhelm von Gerstenberg (1737-1823)
    9/8/2005

    Hast du die Lippen mir wund geküsst,...

    so küsse sie wieder heil,
    und wenn du bis zum Abend nicht fertig bist,
    so hat es auch keine Eil.
    Du hast ja noch die ganze Nacht,
    du Herzallerliebster mein!
    Man kann in solch einer ganzen Nacht
    viel küssen und seelig sein.
     
    Heinrich Heine

    Was es ist

    Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
    Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
     
    Es ist Unglück, sagt die Berechnung.
    Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst.
    Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht.
    Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
     
    Es ist lächerlich, sagt der Stolz.
    Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht.
    Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung.
    Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
     
    Erich Fried
     
     
     
     
    9/6/2005

    Wie die Sonne!

    So wie die Sonne
    nach jeder Nacht
    den Tag erweckt
    mit heißer Glut,
    pulsiert aufs Neue für
    dich mein Blut
    Des Tages schwere Last
    die mir so sehr verhasst
    -verblasst
    durch ein Lächeln
    von dir zu mir
     
    Unbekannt

    Es ist Nacht

    Es ist Nacht,
    und mein Herz kommt zu dir,
    hälts nicht aus,
    hälts nicht aus mehr bei mir.
    Legt sich dir auf die Brust,
    wie ein Stein,
    sinkt hinein,
    zu dem deinen hinein.
     
    Dort erst,
    dort erst kommt es zur Ruh,
    liegt am Grund
    seines ewigen Du.
     
    Christian Morgenstern

    Weil ich dich liebe

    Weil ich dich liebe,
    bin ich des Nachts so
    wild und flüsternd
    zu dir gekommen, und
    dass du mich nimmer
    vergessen kannst,
    hab ich deine Seele
    mit mir genommen.
    Sie ist nun bei mir
    und gehört mir ganz.
    Im Guten
    und im Bösen;
    von meiner wilden,
    brennenden Liebe kann
    dich kein Engel erlösen.
     
    Hermann Hesse

    Die Liebe

    Die Liebe ist ein Teil von uns:
    Wir brauchen sie, denn ohne
    sie können wir nicht leben.
    Die Liebe ist eine Rose.
    Am Anfang ist sie jung und frisch.
    Dann fängt sie an aufzugehen,
    sie blüht und lässt sich
    von allen bewundern.
    Danach fängt sie langsam an zu welken
    und die Liebe
    wird immer schwächer.
    Und wenn die Rose verwelkt ist,
    dann ist sie kaputt und auch
    die Liebe ist zu Ende.
    Aber unsere Liebe ist anders,
    sie ist immer noch so stark
    wie am ersten Tag.
    7/12/2005

    Die beiden

    Sie trug den Becher in der Hand, ihr Kinn und Mund glich seinem Rand.
    So leicht und sicher war ihr Gang, kein Tropfen aus dem Becher sprang.
     
    So leicht und fest war seine Hand: Er ritt auf einem jungen Pferde,
    und mit nachlässiger Gebärde erzwang er, dass es zitternd stand.
     
    Jedoch, wenn er aus ihrer Hand den leichten Becher nehmen sollte,
    so war es beiden allzu schwer:
    Denn beide bebten sie so sehr, dass keine Hand die andre fand
    und dunkler Wein am Boden rollte.
     
    Hugo von Hofmannsthal
    5/7/2005

    Gedanken an dich

    In deinen Armen liegen und wissen,

    nicht bleiben zu können.

    In deinen Augen zu versinken und wissen,

    wieder auftauchen zu müssen.

    In deiner Nähe ertrinken und wissen,

    doch nicht daran zu sterben.

    Sich dir öffnen können und wissen,

    nicht ausgeraubt zu werden.

    Das mag wohl Liebe sein.